Auf schmalem Grat

Rheinpfalz, Ausgabe vom 12. Juni 2020, von Sigrid Ladwig.

Dass die Zeit wenig gnädig zu uns ist, führt das Theader Freinsheim mit dem Stück „Paradiso“ eindringlich und humorvoll vor Augen. Am Dienstagabend feierte das diesjährige „Sommer-Theader“ eine ergreifende Premiere am Casinoturm.

Manche Adjektive kann man nicht verstärken. Mit derlei Regeln der Sprachlehre kennt sich die ehemalige Schulleiterin Martha aus: Die 81-Jährige weiß, dass das Wort „allein“ nicht steigerbar ist. Die zweite Frau auf der Bühne, bedeutend jünger und weit weniger belesen, schert sich nicht um Grammatik und erklärt ihrer Gegenspielerin in zünftigem Pfälzisch, sie werde „noch allääner“ sein.

Einsamkeit ist ein großes Thema in der Komödie „Paradiso“. Die österreichische Autorin Lida Winiewicz rollt in acht Bildern auf, wie sich zwei gegensätzliche Frauen auf einer Parkbank kennenlernen, wie sie sich anfeinden und allmählich doch näherkommen, erst zögerlich, dann umso tiefer und inniger. Begleitet wird die wachsende Verbundenheit jedoch von Marthas unentrinnbarem gesundheitlichem Niedergang.

Die vom Kultursommer Rheinland-Pfalz geförderte Inszenierung, zu der die Stadt Freinsheim allabendlich einlädt, ist eine von Traurigem und Heiterem flankierte Geschichte, hochaktuell gerade in jetzigen Zeiten. Das Thema Corona taucht mehrfach auf und darf belacht werden, etwa wenn Martha auf der Bank mit Metermaß und Absperrband für Distanz sorgt.

Emotional schwindet indes der Abstand, weil die Regie ihre Figuren dem Publikum sympathisch nahe bringt Für das doppelbödige Geschehen findet Regisseurin Johanna Regenauer in ihrer gestrafften Bühnenfassung beeindruckende Bilder. Zum einen wirken sie beklemmend real, zum anderen erhellen sie mit vergnüglichen Witzeleien die ernste Thematik.

Die beiden Frauen, die so konträr aufeinander treffen, erlebt der Zuschauer in einer feinfühlig und nuanciert dargebotenen Szenenfolge. Schauspielerin Anke Siefken gibt der Martha bei aller Gebrechlichkeit viel Ernst und Würde. Es ist ein ergreifender Auftritt, als das Publikum nach einem der Zeitsprünge ihr verschärftes Siechtum erblickt.

Während die hinfällige Dame zur Verbitterung neigt und noch dazu ihr Verstand nachlässt, wird Vicky für sie umso stärker Halt und Stütze. Auch Anja Kleinhans legt ihre Rolle vielschichtig an. Sie verkörpert die bodenständige Krankenschwester zunächst als berechnende Mittellose, die um des eigenen Vorteilswillen bei Martha einziehen will. Doch im intensiven Spiel macht sie genauso spürbar, wie Vickys raue Schale durchlässig wird für liebevolle Fürsorge.

Das Bühnenbild von Marco Wörle mit Parkbank und Blumenschmuck am Teich harmoniert mit den verzweigten Feigenbäumen an der Stadtmauer. Und während durch die alten Laubkronen am Casinoturm ein frischer Wind geht, beschreibt Martha den Hain des Ibykus aus Schillers Ballade, wo die Bäume rauschen.

Zwischen den einzelnen Szenen erklingen Werke französischer Komponisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gitarrist Alex Lützke und Cellist Burkard Maria Weber bringen impressionistische Klangbilder von Camille Saint-Saëns, Gabiel Fauré und Erik Satie zu Gehör. In ausgewogener klanglicher Balance schweben Melodien durch den wolkigen Abend und begleiten die Stimmung, die lange in der Schwebe bleibt.

Eine besondere Stärke der Inszenierung liegt darin, dass sie menschliche Grenzen respektiert und auf schweres Pathos verzichtet. Nachdem der Zuschauer erlebt, wie zwischen zwei sich anfangs ablehnenden Menschen eine starke Zuneigung aufblüht, sieht er auch, dass diese nicht endlos strapaziert werden kann.

Ohne wertend zu urteilen, beleuchtet Regisseurin Regenauer die Widersprüche menschlicher Beziehungen und die Gratwanderung zwischen Hilfswilligkeit, Schuldgefühl und dem Recht auf eigenes Lebensglück. Bis zur letzten Minute bleibt sie bei tolerantem Verständnis. Das Ende namens „Paradiso“ ist der Wirklichkeit so illusionslos nah, wie Theater ihr nur kommen kann.

TERMINE
Bis zum 26. Juni laden Stadt und Theader allabendlich um 20 Uhr zum Theader-Sommer ein, ausgenommen sind der 14., 15. und 22. Juni. Wegen der Corona-Verordnungen ist eine begrenzte Stuhlzahl und eine Reservierung nötig, entweder per E-Mail an info@theader.de oder der Telefonnummer 06353 932845.

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Coronabedingt bitten wir Sie, auf dem TheaderGelände eine Mund-Nasen-Bedeckung zu benutzen, die Sie auf Ihren von uns zugewiesenen Plätzen abnehmen dürfen. Außerdem wird eine mit der Verbandsgemeinde Freinsheim abgesprochene Hygiene- und Abstands-Regelung zu beachten sein, auf die wir an mehreren Stellen vor Ort hinweisen.


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