Über bodenlosem Abgrund

Rheinpfalz, Ausgabe vom 19. September 2020, von Sigrid Ladwig.

Wie Menschen den Boden unter den Füßen verlieren, führt das Theader Freinsheim mit dem Schauspiel „Ohne Gesicht“ vor Augen. Am Donnerstag feierte die Freilicht-Inszenierung des Psychokrimis eine packende Premiere am Casinoturm.

„Ich will nicht länger zwei Menschen sein“, lautet ein entscheidender Satz aus dem Mund von Vincent Demalènes. Ob es wirklich dieser Mann ist, der das sagt, darüber gerät der Zuschauer bald ins Zweifeln. Schon nach wenigen Bühnenmomenten zieht den Gast das flirrende Psychodrama um fragliche Identität in seinen Bann. Zwei Menschen durchdringen einander, zerlegen, zerpflücken sich, nähern sich an und prallen mit Schrecken voreinander zurück.

Das Schauspiel der norwegischen Autorin Irene Ibsen Bille (1901 bis 1985), dessen Inszenierung vom Kultursommer Rheinland-Pfalz unter dem Motto „Kompass Europa: Nordlichter“ gefördert wird, verlangt seinen Darstellern viel ab. Doch dem Duo Anja Kleinhans und Christian Birko-Flemming gelingt es, die tragische Erschütterung ihrer Figuren auszudrücken, ihr leidenschaftliches Greifen nach Wahrheit und ihre Verzweiflung darüber, dass sie ins Geflecht von Täuschung und Zwiespalt verstrickt sind.

Wer ist der Mann, mit dem sich Louise Demalènes im Hotel eingefunden hat? Ist er wirklich ihr Ehemann Vincent? Für das Publikum wird die anfängliche Sicherheit brüchig und auf der Bühne an der alten Stadtmauer wuchern die Widersprüche. Dunkle Anspielungen machen es immer wahrscheinlicher, dass der scheinbar ums Leben gekommene Zwillingsbruder Thomas die Stelle Vincents eingenommen hat.

Zwischen kühler Distanz und hitzigem Ringen führen beide Darsteller glänzende Dialoge: Christian Birko-Flemming wirkt als Vincent/Thomas ausdrucksvoll differenziert: Sorgsam nüchtern zergliedert er in der zeitlich verschränkten Handlung das Vergangene mit dem verhängnisvollen Autounfall. Dann aber stellt er sich energisch entschlossen der Zukunft, die er in seiner wahren Identität verbringen will.

Anja Kleinhans formt einen wirkungsvollen Kontrast zu ihm: Sie spielt die verweigernde Abwehr der Widerstrebenden, die auch nach 15 Jahren verstellten und verzerrten Zusammenlebens den Ist-Zustand beibehalten will. Ebenso überzeugt sie mit zunehmender Verzweiflung, als ihr Festhalten aussichtslos wird. Diesen Kontrollverlust und wie ihr der Boden unter den Füßen schwindet, erlebt der Zuschauer in spannenden Szenen, während sie durch das Wasser geht oder sogar darüber zu schweben scheint.

Magische Augenblicke wandeln den Wahnsinn in Realität um. Im unaufhaltsamen Ablauf erleben die Zuschauer vielschichtige Szenen, deren Wirkung sie sich kaum entziehen können. „Ich könnte der andere sein“, sagt der Mann, der fortan in sein eigenes Gesicht sehen will, statt sich weiter zu verleugnen.

Die seelischen Risse und Klüfte solcher Sätze inszeniert das Theader ohne Spannungsverlust. Konsequent verdichtet der Berliner Regisseur Uli Hoch das Enthüllungsdrama auf die Beziehung zwischen zwei Menschen. Er strafft die Textvorlage gründlich, gewichtet sie um und entscheidet sich zielsicher für einen völlig anderen Ausgang.

Während das Publikum eine in Rot getauchte Abschlussszene erblickt, schwebt leise Hoffnung über der Bühne. Das Paar beendet sein Ringen mit einem Bekenntnis, mit dem es sich der ganzen Welt gegenüber stellen will. So wird die Liebe zum Ankerpunkt in einem Dasein über bodenlosen Abgründen.

TERMINE

Weitere Aufführungen am Casinoturmsind vorgesehen am 19., 25., 26. und 27.September sowie am 8., 9. und 10. Oktober jeweils um 19.30 Uhr. Reservierung per E-Mail an tickets@theader.de.

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