Zwischen Lüge und Wahrheit

Rheinpfalz, Ausgabe vom 12. September 2020, von Sigrid Ladwig.

HINTER DEN KULISSEN: Ein Psychodrama und Kriminalstück zugleich inszeniert das „Theader Freinsheim“ mit dem Schauspiel „Ohne Gesicht“: An mehreren Abenden geht es auf der Freilichtbühne am Casinoturm spannend und doppelbödig zu. Premiere wird am kommenden Donnerstag gefeiert.

Schon in den weltbekannten Enthüllungsdramen von Henrik Ibsen ist das Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Lüge ein zentrales Thema. Seine Enkelin Irene Ibsen Bille (1901 bis 1985) führt die Problematik seelischer Identität weiter: Ihre Geschichte „Ohne Gesicht“ ist auch deshalb ein packendes Stück, weil sie auf einen analytischen Aufbau der Handlung setzt.

Gefördert wird die Inszenierung vom Kultursommer Rheinland-Pfalz unter dem Motto „Kompass Europa: Nordlichter“. Die Handlung zieht den Zuschauer immer tiefer in einen undurchdringlichen Dschungel hinein – eben dort, wo sich an der Freinsheimer Stadtmauer die Feigenbäume unentwirrbar ineinander verzweigen. Auf der idyllisch gelegenen Freilichtbühne am Casinoturm öffnen sich schmerzhafte Einschnitte, verschränken sich Lug, Trug und Irrwege.

In derlei Geflechte verstrickt agieren die beiden Hauptfiguren Louise und Vincent Demalènes. In ihren Rollen sind Theader-Leiterin Anja Kleinhans und ihr Bühnenpartner Christian Birko-Flemming zu sehen. Schon die laufenden Proben führen eindrucksvoll vor Augen: Die messerscharfen Dialoge, die sich zwischen ihnen entspinnen, geben dem Zwei-Personen- Stück eine beklemmende Dichte.

Was ist wahr, was Schein? Wer spricht aus Vincents Mund, nachdem sich das Ehepaar in ein nobles Hotel zurückgezogen hat, um gemeinsam den Geburtstag des erfolgreichen Fabrikanten zu feiern? Und was weiß seine Frau über die vergessene und verdrängte Vergangenheit? Mehr womöglich als er selbst?

Das erste Bühnenstück der norwegischen Autorin knüpft an das Zwillingsmotiv an, durch das die Doppelsinnigkeit hervorgehoben wird. Immer wieder stehen Echtheit und Wahrheit auf der einen Seite, ihre Verzerrung aber gedeiht auf der anderen Seite so stark, dass sie bis zum Kontrollverlust des eigenen Selbst führen kann. Das doppelte Gesicht des Zwillings birgt die verführerische Gefahr, dass sich die eigene Persönlichkeit auflöst.

So legt die Regie in den Händen von Uli Hoch immer neue Fährten in die Seelen der Bühnenakteure, ohne dass sie im Verlauf des Stücks mehr von sich preisgeben würden. Während man dem Paar zuhört, kommen verhängnisvolle Ereignisse ans Licht. Unterschiedliche Wahrheiten werden aufgedeckt, aber sie schaffen keine Klarheit. Denn mit jedem Mosaiksteinchen sickern weitere Doppeldeutigkeit und Unsicherheiten ein.

Das ist das Bestechende und Verwirrende am Geschehen auf der Bühne: So sehr sich die Ehepartner auch belauern, so schonungslos sie einander zergliedern und ihre Psyche durchsieben, so undurchschaubar bleiben ihre Beweggründe.

Bis zum überraschenden Ende halten sich die Umstände in der Schwebe. Insofern darf man bis zu den letzten Momenten gespannt sein, ob und auf welche Weise sich das Dickicht menschlicher Wirrungen lichten wird.

TERMINE

Premiere am Casinoturm am 17. September, weitere Aufführungen am 18., 19., 25., 26. und 27. September sowie am 8., 9. Und 10. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr. Reservierung per E-Mail an tickets@theader.de.

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